Nachtgeflüster
Kurzgeschichte
John Curtner war Vertriebsassistent durch und durch. Seit zwei Monaten hatte er schon über 35 lukrative Abschlüsse getätigt, auch wenn meist die Provision im Vordergrund stand. Ob die Menschen die eine oder andere Versicherung brauchten, war ihm mittlerweile egal geworden, Hauptsache die Kohle stimmte am Monatsende. Heute jedoch war er aufgewühlt, verärgert, ja fast schon genervt. Da war dieser Turner, ein langjähriger Kunde, dessen Mutter vor zirka sechs Monaten verstorben war. Nachdem er deren Tod ordnungsgemäß der Versicherungsgesellschaft gemeldet hatte, kam es zu einem Rechtsstreit zwischen ihm und der Gesellschaft. Natürlich weigerte sich John`s Firma, die abgeschlossene Summe in Höhe von 360000€ zu zahlen. Grund war eine Klausel in der vermerkt war, dass jede Todesursache, ausgenommen Suizid und das Mammakarzinom, versichert war.
Die Mutter des Klienten erkrankte mit 68 Jahren an Brustkrebs und erlag ein halbes Jahr später einer Lungenembolie im städtischen Krankenhaus. John hatte beim damaligen Abschluss nur sporadisch nach Vorerkrankungen gefragt und schlichtweg vergessen, auf das Kleingedruckte hinzuweisen.
Letztendlich stand Aussage gegen Aussage, und nachdem John seine Version glaubhaft dem Gericht erläutert hatte, wurde die Versicherung von der Zahlungspflicht freigesprochen, und der Geschädigte ging leer aus. Nun häuften sich die Anrufe und Drohungen gegen John. Entweder klingelte sein Telefon zu den unmöglichsten Zeiten, oder er fand seltsame, kryptische Botschaften in seinem E-Mail Fach. Nun jedoch nahmen die Angriffe neue, groteske Formen an. Turner musste herausgefunden haben wo er wohnte. Sein Briefkasten wurde ständig mit Leim verklebt, und ein spinnenförmiges Muster, was von einem 2 kg schweren Stein herrührte, zierte seine Scheibe des Schlafzimmers. Nachdem er heute bei der Polizei Anzeige erstattet hatte, wurde seine Vermutung, wer dahinterstecken könnte, schnell als Lappalie abgestempelt und als gewöhnliche Sachbeschädigung aufgenommen.
John holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank und starrte aus seinem Fenster. Es war bereits schon 23:40 Uhr, und bis auf ein paar Autos war keinerlei Menschenseele mehr unterwegs. Die Temperatur war um diese Uhrzeit noch angenehm warm gewesen und an Schlaf noch nicht zu denken.
>> Ach Scheiß drauf! <<, dachte John, schnappte sich die Schlüssel seines Pick- up und verließ mit dem Bier in der Hand das Apartment.
Mit 100 km/h über die Landstraßen zu fegen entspannte John. Er genoss den Fahrtwind, der ihm durch die heruntergelassenen Fenster um die Nase wehte. Er konzentrierte sich auf die sanften Bässe, die aus seinen Boxen dröhnten. Hin und wieder trank John einen Schluck Bier, bis er die leere Dose irgendwann in den vorbeirauschenden Wald warf.
>> So ein Penner! <<, dachte er nach und öffnete eine weitere Dose.
Sein Handy vibrierte. Auf dem Display war eine unterdrückte Nummer zu erkennen.
John nahm das Telefon und schmiss es eher unsanft auf die Rückbank seines Wagens.
>> Was denkt sich der Typ dabei? <<
John lachte.
>> Wer lesen kann ist klar im Vorteil. <<
John drehte die Musik lauter bis das Klingeln nicht mehr zu hören war.
Vier Kilometer musste er noch durch den Wald fahren bis er das Dorf Kahren erreichte. Dort würde er dann rechts auf einen Feldweg abbiegen und nach 600 m sein eigentliches Ziel für heute erreichen. Den Hochstand hatte er schon seit einem halben Jahr nicht mehr aufgesucht. Meistens war es ein guter Ort gewesen, um das eine oder andere Mädchen flachzulegen. Aber auch in melancholischen Zeiten war es für ihn einer von vielen Rückzugsorten. Umgeben von völliger Stille und der Natur, kam er auf andere Gedanken oder schmiedete neue Pläne. In Gedanken versunken beschleunigte er auf 120 km/h, und gerade als er in eine scharfe Rechtskurve hineinfuhr, sah er direkt am Waldrand ein Kind stehen. Er folgte seinem ausdruckslosen Gesicht und fuhr geradewegs mit voller Geschwindigkeit in die Leitplanke. Der Stahlträger beendete seine Fahrt abrupt. Glas klirrte, und ein ohrenbetäubender Knall hallte durch den dunklen Wald. John war zu diesem Zeitpunkt nicht angeschnallt gewesen und wurde durch die Wucht des Aufpralls aus dem Auto katapultiert. Er flog unkontrolliert durch die Windschutzscheibe, ein massiver Baum stoppte seinen Körper augenblicklich. John schlitterte auf die Straße zurück und blieb regungslos auf dem Asphalt liegen.
John kam langsam zu sich. Ein Rauschen in seinen Ohren sowie ein zunehmender Kopfschmerz holten ihn schnell in die Realität zurück. Er ließ einen lauten Seufzer von sich und begann tief nach Luft zu schnappen. Erst blinzelte er mit den Augen, dann versuchte er sie langsam zu öffnen. Eine klebrige Flüssigkeit floss über sein rechtes Augenlid. Geistesabwesend hob er seinen rechten Arm, um über das Auge zu streichen. John lag auf dem Bauch, was ihm das Atmen deutlich erschwerte. Er drehte sich auf den Rücken und starrte in den sternenbehangenen Nachthimmel. Der Vollmond leuchte einen Teil der Straße aus. John drehte seinen Kopf nach rechts und entdeckte seinen Pick- up, der eher an einen Trümmerhaufen erinnerte. Schemenhaft konnte er verbogenes Metall erkennen. Die Leitplanke war deformiert und eine Achse samt Radaufhängung lag keine 10 Meter vor ihm.
John fröstelte. Er versuchte sich langsam aufzurichten, was ihm auch gelang. Bis auf die Kopfverletzungen und ein paar Schrammen an den Beinen schien er nicht weiter verletzt zu sein. Er saß da und musterte die Umgebung.
>> Ich lebe noch! <<, stellte John fest und konnte sein Glück noch immer nicht fassen.
>> Moment! <<
John bekam eine Gänsehaut. Was war eigentlich der Grund gewesen, dass er vor ein paar Minuten so erschrocken war? John stand auf und sog die warme Luft in seine brennende Lunge. Er ließ erneut seinen Blick schweifen, als brechende Äste ganz in der Nähe, John zusammenzucken ließen. Jetzt waren all seine Sinne wach und auch der letzte Schmerz seiner lädierten Knochen vergessen. John´s Nerven waren zum Zerreißen gespannt.
>> Hallo, ist da jemand? Ich hatte einen Unfall und bin verletzt! <<
Das Grillenzirpen erstarb augenblicklich. Es wurde kälter.
John fühlte ein Unbehagen in sich aufsteigen. Er hatte das Gefühl als würde er beobachtet werden.
>> Hallo, ich brauche wirklich Hilfe! <<, brachte er mit zitternder Stimme hervor.
Hilfe, hilf mir, bitte!
Hatte sich John gerade verhört oder war da wirklich ein leises Flüstern, was direkt vor ihm aus dem Wald kam?
Er ging ein paar Schritte rückwärts.
>> Hallo? <<
Hallo?
Jetzt hatte er definitiv etwas gehört. Reflexartig schaute er auf die schwach beleuchtete Straße und griff nach einem metallenen Gegenstand, vermutlich ein abgerissenes Pedal, was vor seinen Füßen lag. Er schleuderte es direkt in den dunklen Wald hinein, wo er zuletzt das Flüstern vernommen hatte. Nichts geschah.
Er musste dringend Hilfe holen. Seine Hoffnung bestand darin, dass vielleicht weitere Autofahrer unterwegs waren und an der Unfallstelle vorbeikommen würden. Ohne den Wald aus dem Blick zu verlieren, ging er zu seinem Pick- up, zumindest was noch von ihm übrig war.
Der Vollmond erwies sich heute Nacht als nützlich. John erkannte scharfe Konturen diverser Gegenstände und einem silbernen Radkreuzes, welches auf der hinteren Ladefläche lag. Er zog sich hoch und bekam es mit der rechten Hand zu fassen. Gerade als er sich wieder umdrehte, schlitterte etwas über die Straße, direkt auf ihn zu und kam zirka fünf Meter vor ihm zum Erliegen. Jetzt hatte John Angst. Es war jenes Pedal, was er gerade in den Wald geworfen hatte.
Erneut hörte er in der Ferne ein Flüstern.
Hilf mir doch, bitte!
>> Lass die Scheiße! Komm raus! Zeig dich! << fuhr es aus John heraus.
Ich bin doch schon da!
John schaute nach links und direkt in die toten Augen eines kleinen, etwa 9- jährigen Kindes.
Sein Lächeln war unnatürlich, böse, und seine Mundwinkel waren übertrieben nach oben gezogen.
John erschrak fürchterlich und schlug reflexartig mit dem Radkreuz zu. Er traf den Körper mit voller Wucht. Das Radkreuz prallte jedoch ab und flog in einem hohen Bogen in die Dunkelheit.
Er schaute ihm nach und dann wieder zum Kind. Es war weg.
John fing an zu hyperventilieren. Er drehte sich im Kreis, und voller Panik schrie er in den Wald.
Er wusste, dass es nicht mehr weit nach Kahren war, und seine beste Option war es auf der Straße zu bleiben bis er das Dorf erreichen und Hilfe holen konnte. Ohne sich umzudrehen orientierte er sich kurz und lief los.
Wo willst du hin?
Er ignorierte das Flüstern und fing an zu rennen.
>> Geh weg, O mein Gott, geh einfach weg! <<, schrie John in den Wald.
Bist du ein guter Mensch?
Das Flüstern nahm deutlich zu. Es kam aus allen Richtungen. Je weiter er lief desto mehr näherte er sich wieder dem Pick- up. John war irritiert. Er drehte sich um und direkt hinter ihm stand erneut das grauenhafte Kind, welches ihn scharf musterte. Es hielt das Radkreuz in seiner Hand und dann ging alles ganz schnell. Das Kind schlug mit voller Wucht zu. Das Metall traf John hart und brach augenblicklich seine Nase. John schrie aus Leibeskräften und weitere, feste Schläge hämmerten ununterbrochen auf ihn ein. Er ging zu Boden und nahm eine Embryostellung ein. John wimmerte und schluchzte wie ein kleines Kind.
>> Bitte aufhören! Bitte tue mir nichts! <<
Das Radkreuz klapperte zu Boden, und schlürfende Schritte näherten sich ihm. John drehte seinen Kopf vorsichtig zur Seite und erblickte augenblicklich das schiefe Grinsen des Kindes. Eine Hand passte noch zwischen ihm und diesem Ding.
Erneut flüsterte dieses Wesen ihm etwas zu.
Ich sehe dich, ich weiß wer du bist. Bleib auf dem richtigen Pfad sonst hole ich dich.
Das Kind riss seinen schwarzen Mund weit auf und umschlang mit langen, kalten Fingern Johns Hals und drückte fest zu. Er wurde ohnmächtig.
>> Hallo Herr Curtner, wachen sie auf! <<
Die Stimme klang stumpf als ob er mit seinem Kopf unter Wasser war.
>> Hallo, kommen sie schon, wachen sie auf! <<
Benebelt kam John wieder zu Bewusstsein und öffnete schwerfällig seine Augen. Ihm kam das Gesicht bekannt vor, woher zum Teufel kannte er diesen Mann?
>> Ich habe bereits Hilfe geholt, sie hatten einen schweren Unfall! <<
>> Wer sind sie? << fragte John leicht irritiert.
>> Mike Turner! Sie kennen mich! Ich war ebenfalls in der Gegend unterwegs. Sie hatten Glück, dass ich sie gefunden habe. Ich musste sie reanimieren, sie waren kurz weggetreten!! <<
In der Ferne war das Heulen von Sirenen zu hören.
John´s Gehirn arbeitete auf Hochtouren.
>> Aber warum sind sie hier? <<
Mike Turner kam mit seinem Mund an Johns Ohr und flüsterte leise:
Um dich wieder auf den rechten Pfad zu bringen!
John´s Lippen bebten vor Angst, und er konnte das verschmitzte Lächeln auf Turners Gesicht erkennen, was dem des Kindes entsprach.
>> Was bist du? <<, stotterte John.
Mike streichelte sanft über das Gesicht von John und wandte sich von ihm ab.
John hörte eine Wagentür zuschlagen. Einen Moment später fuhr ein blauer Chevrolet in Schrittgeschwindigkeit an ihm vorbei.
Neben Mike saß das Kind, und beide starrten ihn mit dunklen, leeren Augen an und grinsten unnatürlich schief.
John hatte verstanden. Er musste sich die nächsten Tage um Turners Angelegenheiten kümmern. Er hatte einen großen Fehler gemacht und hoffte diesen noch ausbügeln zu können. Zwar würde ihm das sicherlich die Karriere kosten aber mit dem Teufel wollte er sich nicht anlegen.