Nachtcache

Kurzgeschichte

David war der Faszination des Spieles ergeben. Heute Abend sollte es der finale Höhepunkt werden, und der Termin der Nachtwanderung stand bereits seit letzter Woche fest. Umso mehr ärgerte es ihn, dass nach und nach seine Begleiter absagten. Markus musste unverhofft eine Nachtschicht seines Kollegen übernehmen, und Thomas konnte sich mal wieder nicht von zu Hause loseisen. Sie hatten doch schon alles im Voraus geplant, und David hatte sich extra noch eine starke Taschenlampe sowie ein paar zusätzliche Batterien, nur zur Sicherheit, organisiert.
>> Scheiße! <<, brabbelte David vor sich hin und steckte seine Ausrüstung in den Rucksack.


Es war bereits 23 Uhr, und ohne Licht konnte man die Hand vor Augen nicht sehen.
David stand mit seinem Pick-up auf einem schmalen Feldweg. Rechts von ihm erstreckte sich der Mordgrund, ein 30 Hektar großes Waldgrundstück, unberührt und finster. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, und er entdeckte wabernde Nebelschwaden, die am Waldrand eine undurchdringliche Mauer bildeten. David fröstelte es ein wenig als er aus dem Wagen stieg. Er griff nach dem Rucksack und fingerte eher unbeholfen nach der Taschenlampe. Er schaltete sie ein, und ein starker Lichtstrahl durchschnitt die Dunkelheit. Zufrieden steckte er sie in seine Jackentasche zurück und schloss mit einem kräftigen Stoß die Autotür. Er tastete nach dem Handy in seiner Hosentasche, kein Anruf, keine Nachricht von seinen Freunden. Noch war ihm unwohl bei dem Gedanken nachts allein im Wald herumzuirren aber das gehörte nun mal zum Spiel. Die errechneten Zielkoordinaten befanden sich gut 5 km westlich im Wald, und nachdem er die App auf seinem Handy geöffnet hatte, bestätigte eine blinkende Zahlenreihe die finale Gegend, wo die Dose samt Logbuch zu finden war. Ihm überkam ein mulmiges Gefühl als er mit eingeschalteter Lampe in den Wald hineinleuchtete.
Er entdeckte 50 m links vor ihm einen kleinen schmalen Pfad, der direkt in das Unterholz führte. David setzte sich in Bewegung und schob den Reißverschluss seiner Jacke bis unters Kinn. Ihm fröstelte. Bildete er es sich nur ein oder war es in den letzten Minuten merklich kälter geworden? Aufmerksam lauschte er den Geräuschen des Waldes aber warum hörte er nichts?
>> Ich werde paranoid. << Er schüttelte seinen Kopf und starrte auf das Handy. Noch 4,9 km zeigte das leuchtende Display an, und er folgte dem kleinen schlammigen Pfad bis der Wald immer dichter wurde. 30 Minuten später hatte sich David hoffnungslos verlaufen. An alles hatte er gedacht außer sein Smartphone ausreichend zu laden, und jetzt grinsten ihn nur noch 10 Prozent Akkuleistung an.
Er beschleunigte seinen Schritt und stolperte eher unbeholfen über Baumwurzeln und konnte gerade noch so einen Sturz verhindern als plötzlich hinter ihm ein brechender Ast seiner Bewegung augenblicklich einfror.
>> Was war das gerade? <<, dachte David und lauschte der Stille. Krach, jetzt huschte rechts von ihm etwas durch das Unterholz, nur er reagierte zu spät, und der Lichtkegel der Taschenlampe traf auf dunkle. schwarze Bäume und mannshohe Farne. Kein Tier, nichts.
Davids Nackenhaare stellten sich auf und Angst kroch ihm dem Rücken rauf. Kalte Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn, dann nahm er allen Mut zusammen.
>> Alter, wenn das ein schlechter Scherz ist, dann lasst es. << sprudelte es aus ihm heraus. In ihm keimte Hoffnung auf, dass vielleicht Markus oder Thomas dahintersteckten, sie gleich aus dem Gebüsch herausspringen würden um ihm den Schrecken seines Lebens zu verpassen. Es blieb still. Ohne weiter abzuwarten, nahm David seine Beine in die Hand und rannte wie besessen tiefer in den Wald hinein und blieb immer wieder mit seiner Hose an dornenbesetzten Sträuchern hängen. Stacheln bohrten sich in seine Haut und drangen mit jeder Bewegung tiefer in sein Fleisch hinein. Ihm war es egal, er wollte nur noch so schnell wie möglich raus aus diesem scheiß Wald.
>> Ich bin so dämlich gewesen<<, ging es David immer wieder durch den Kopf!
>> Und das alles wegen einer Dose. <<
Erneut brachen Äste. Vor ihm war etwas. Büsche wackelten und irgendetwas schien in seine Richtung zu laufen. Ohne zu überlegen wechselte David die Richtung, schwenkte die Taschenlampe nach rechts und rannte um sein Leben. Seine Lungen brannten wie verrückt und trotz des regelmäßigen Sportes den David trieb, merkte er, dass sein Kreislauf so langsam an seine Grenzen kam. Er schien auf eine Art Lichtung zuzulaufen, da die Bäume weniger wurden und er vereinzelt Sterne am Himmel erkennen konnte. Voller Euphorie endlich aus diesem Albtraum entkommen zu können, bemerkte er nicht, dass bereits zu seiner rechten Seite etwas auf ihn zusprang und ihn rabiat von den Füßen holte. David knallte mit seinem Kopf auf den Boden und hörte noch ein jämmerliches quieken und grunzen bevor er das Bewusstsein verlor.
 
Da war dieses Fiepen in seinen Ohren und sein Schädel drohte fast zu zerplatzen. David kam langsam wieder zu sich, noch immer die Augen geschlossen. Er hatte noch nicht realisiert, was so eben passiert war. Er tastete vorsichtig seinen Kopf ab und spürte etwas klebrige, warme Flüssigkeit an seinen Fingern.
Er hob ruckartig seinen Kopf und riss seine Augen weit auf. Nach einem kurzen Augenblick der Orientierungslosigkeit blieb er am Lichtstrahl seiner Taschenlampe hängen und folgte diesem aufmerksam. Ein 150 kg schweres Wildschwein lag ca. 10 m vor ihm auf dem Waldboden. David war schlagartig aus seinem Dämmerzustand erwacht, Adrenalin durchströmte seinen Körper. Er richtete seinen Oberkörper auf und krabbelte rückwärts gegen einen Baum, ohne seinen Blick von dem toten Tier abzuwenden. Irgendetwas stimmte nicht. Das Wildschwein war nicht vollständig, wo war sein Kopf? Noch immer tropfte Blut an dessen Fell herab und bildete eine kleine Lache mit rotem Blut. Das Licht der Taschenlampe schmückte diese groteske Situation besonders grausam aus. Bevor David begreifen konnte was hier soeben geschehen war, vernahm er ein leises Knurren hinter sich. Langsam, fast in Zeitlupe, drehte er sich um aber erkannte nichts weiter als Dunkelheit. Erneut krachte und knackte es im Wald. Er brauchte Licht, und mit einem schmerzverzerrten Gesicht schwang er sich schwerfällig auf die Beine um an die Taschenlampe heranzukommen. Ihm wurde kurz schwindlig und die anschwellenden Kopfschmerzen verhießen nichts Gutes. Es war ihm egal. Er brauchte ein paar Schritte bis er endlich den kalten Griff der Taschenlampe zu fassen bekam. Gerade als er die Lampe aufhob um sie nach vorne zu richten sah er es. Er leuchte auf einen fellbesetzen Rücken und das Ding richtete sich langsam auf. Es war groß und stieß ein bedrohliches Knurren aus. Mit einem Ruck drehte es sich um, und David schaute in die Maske eines Wildschweins. Es sah beinahe so aus als ob das Maul grinsen würde und ehe er sich versah, rannte es auf ihn zu. Er riss reflexartig die Lampe nach oben doch war es bereits zu spät. Er wurde mit voller Wucht umgerissen und klatschte mit dem Rücken auf die feuchte Erde. Ihm blieb die Luft weg und jetzt merkte er deutlich die Präsens des Angreifers. Scharfe Zähne bohrten sich in seinen Hals, und Davids Schmerzschrei verwandelte sich schlagartig in ein Gurgeln und Röcheln, bis er letztendlich seinen letzten Atemzug von sich gab.
Das Handy lag im Schlamm. Das Display zeigte noch 4% Akkuleistung. Eine eingehende Nachricht von Thomas ließ das Gerät vibrieren.
Sorry wegen heute, die Kinder wollten einfach nicht schlafen. Bist du noch unterwegs?
Eine knochige Hand hob behutsam das Telefon auf und strich sanft über die digitale Tastatur.
Hier. Koordinaten Nord 51°4,104; Ost 013°48,773.
Erneut summte das Gerät.
Ok, ich brauche 20 Minuten. Bis gleich! 
Das Wesen knurrte zufrieden und legte das Telefon vorsichtig zu Davids leblosen Körper. Bevor es sich wieder auf die Lauer legte, streichelte es noch sanft über Davids angstverzerrtes Gesicht, dann durchtrennte es Muskeln und Sehnen bis sein Kopf vom restlichen Körper entfernt war. Er legte ihn zu seiner anderen Trophäe, der Wildschweinmaske. Dann verschwand das Wesen in den Wald und wurde wieder eins mit den Bäumen, den mannshohen Farnen und dornenbesetzen Sträuchern.